Eine Entscheidung mit erheblicher Tragweite für die deutsche Dachziegelbranche: Das Bundeskartellamt hat die Übernahme des Dachziegelherstellers Creaton durch den österreichischen Baustoffkonzern Wienerberger genehmigt. Die Transaktion erfolgt im Rahmen der größeren Akquisition des französischen Terreal-Konzerns durch Wienerberger und wurde vom Kartellamt nach eingehender Marktprüfung freigegeben. Für den deutschen Markt bedeutet dies eine weitere Konsolidierungsstufe im Premiumsegment keramischer Dachziegel, nachdem Creaton bereits 2016 von der belgischen Etex-Gruppe übernommen worden war.
Mit der Genehmigung steigt Wienerberger, bereits Marktführer bei Ziegelbaustoffen in Europa, auch im deutschen Dachziegelmarkt zu einem dominierenden Anbieter auf. Creaton, mit Produktionsstandorten in Wertingen und Großengottern sowie einem Jahresumsatz von rund 100 Millionen Euro, bedient überwiegend das gehobene Preissegment und ist insbesondere bei Architekten und Planern für Sonderformen und hochwertige keramische Eindeckungen etabliert. Die Kombination mit den bestehenden Wienerberger-Marken wie BMI/Braas und Erlus – beide ebenfalls im Portfolio von Wienerberger oder in strategischer Nähe – verstärkt die Marktmacht im Vertrieb über Baustoffhandel und Direktgeschäft mit Dachdeckerbetrieben.
Aus wettbewerbsrechtlicher Sicht war die Prüfung komplex: Der deutsche Dachziegelmarkt ist bereits stark konzentriert, mit wenigen großen Herstellern, die zusammen etwa 70 Prozent des Volumens kontrollieren. Das Kartellamt bewertete jedoch offenbar, dass trotz der Übernahme ausreichender Wettbewerb durch verbleibende Anbieter wie Nelskamp, Jacobi Walther oder kleinere regionale Hersteller gewährleistet bleibt. Zudem spielt der zunehmende Wettbewerb durch Betondachsteine – insbesondere im kostensensiblen Segment – eine Rolle bei der Marktabgrenzung. Die Entscheidung signalisiert, dass Fusionen im Baustoffsektor weiterhin möglich sind, sofern keine marktbeherrschende Stellung entsteht, die Preissetzungsmacht missbrauchen könnte.
Für Planer und ausführende Unternehmen ergeben sich aus der Transaktion mehrere Implikationen: Einerseits könnte die erweiterte Produktpalette und Logistikstruktur von Wienerberger die Verfügbarkeit und Liefersicherheit verbessern, insbesondere bei Großprojekten mit hohen Stückzahlen. Andererseits besteht das Risiko, dass die geringere Anzahl unabhängiger Anbieter langfristig die Preisgestaltung zugunsten der Hersteller verschiebt. Zudem könnte die Produktstrategie von Creaton – bisher stark auf individuelle Sonderlösungen ausgerichtet – stärker in eine standardisierte Portfoliostrategie integriert werden, was die Verfügbarkeit von Nischenprodukten beeinflussen könnte.
Im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte bleibt abzuwarten, wie Wienerberger die Dekarbonisierung der Ziegelproduktion bei Creaton vorantreibt. Die Brennprozesse für keramische Dachziegel sind energieintensiv und tragen erheblich zur CO₂-Bilanz bei. Wienerberger hat in den vergangenen Jahren verstärkt in Elektrifizierung und alternative Brennstoffe investiert – die Integration von Creaton könnte diese Transformation beschleunigen, wenn entsprechende Investitionen in die Produktionsstandorte fließen. Die Marktkonzentration könnte somit auch als Hebel für branchenweite Nachhaltigkeitsstandards wirken, sofern der Konzern seine Klimaziele konsequent auf alle Werke ausweitet.
Die Übernahme fügt sich in eine längere Reihe von Konsolidierungen im deutschen Baustoffsektor ein, wie etwa die Veräußerung von Creaton durch Etex an Terreal oder die Krisensituation bei Agrob Buchtal. Die strukturellen Herausforderungen – Überkapazitäten, Energiekosten, Importdruck aus Osteuropa – haben die Branche in den vergangenen Jahren erheblich unter Druck gesetzt. Die Wienerberger-Creaton-Fusion ist auch eine Antwort auf diese Marktdynamik: Skaleneffekte in Einkauf, Produktion und Vertrieb sollen die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationalen Wettbewerbern sichern.
