Eine Partnerschaft mit Potenzial zur strukturellen Veränderung der Zement- und Stahlindustrie: Der schwedische Stahlkonzern SSAB und der deutsche Baustoffhersteller Heidelberg Materials kooperieren bei der Entwicklung alternativer Zementlösungen auf Basis von Stahlschlacke. Die Initiative adressiert ein zentrales Problem beider Branchen: Die Zementindustrie benötigt dringend klinkerfreie oder klinkerreduzierte Alternativen, um ihre CO₂-Emissionen zu senken, während die Stahlindustrie nach Verwertungswegen für ihre mineralischen Reststoffe sucht. Mit dieser Zusammenarbeit könnten beide Konzerne ihre jeweiligen Dekarbonisierungspfade beschleunigen und gleichzeitig ein neues Geschäftsfeld in der nachhaltigen Baustoffindustrie erschließen.
Stahlschlacke entsteht als Nebenprodukt bei der Stahlherstellung und besteht überwiegend aus Calcium- und Magnesiumsilikaten – Verbindungen, die auch im Klinker vorkommen, dem Hauptbestandteil konventioneller Portlandzemente. Während Schlacke aus Hochofenprozessen bereits seit Jahrzehnten als Hüttensand in CEM III-Zementen eingesetzt wird, ist die Verwertung von Elektrolichtbogenofen-Schlacke (EAF) – wie sie SSAB bei der Produktion von grünem Stahl erzeugt – technisch anspruchsvoller. Die chemische Zusammensetzung variiert stärker, und die hydraulischen Eigenschaften müssen gezielt aktiviert werden, um eine ausreichende Festigkeitsentwicklung gemäß DIN EN 197-1 zu gewährleisten.
Für Heidelberg Materials, einen der weltweit größten Zementhersteller, bietet die Partnerschaft Zugang zu einem sekundären Rohstoff, der den Klinkerfaktor signifikant senken könnte. Jede Tonne substituierter Klinker reduziert die CO₂-Emissionen um rund 600 bis 700 kg, da bei der Klinkerherstellung sowohl prozessbedingte Emissionen aus der Entsäuerung von Kalkstein als auch energiebedingte Emissionen aus der Ofenbefeuerung anfallen. Für SSAB eröffnet sich die Möglichkeit, Schlacke nicht mehr als Deponat, sondern als Produktionsfaktor zu monetarisieren – ein Schritt, der die Wertschöpfung in der Stahlproduktion erhöht und die Kreislaufwirtschaft im industriellen Maßstab vorantreibt.
Die Kooperation fügt sich in eine breitere Entwicklung ein: Parallel arbeitet SSAB an der Umstellung seiner Produktion auf wasserstoffbasierte Direktreduktion, während Heidelberg Materials seine Strategie zur Dekarbonisierung im Zementgeschäft intensiviert. Beide Unternehmen stehen unter erheblichem regulatorischem Druck durch das EU-Emissionshandelssystem (ETS) und die geplante CBAM-Grenzabgabe. Die gemeinsame Entwicklung von CO₂-armen Zementen aus Stahlschlacke könnte damit zu einem strategischen Baustein werden, der nicht nur technische, sondern auch ökonomische und regulatorische Synergien schafft. Für Planer und Einkäufer in der Bauindustrie wird entscheidend sein, ob die neuen Produkte EPD-zertifiziert werden und welche Druckfestigkeitsklassen erreicht werden können – Details, die bislang noch nicht veröffentlicht sind.
