Eine Technologie, die die Dekarbonisierungsstrategie der Zementindustrie maßgeblich beeinflussen könnte: Der Schweizer Konzern Holcim plant den Einsatz von Carbon Capture and Storage (CCS) zur unterirdischen Speicherung von CO₂ aus der Klinkerproduktion. Während die Zementindustrie weltweit für rund 8 % der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich ist, setzt Holcim auf Abscheidung und geologische Einlagerung als Baustein der Klimastrategie — eine Entscheidung, die von Umweltorganisationen als potenzielles Greenwashing kritisiert wird.
Die CCS-Technologie ermöglicht theoretisch eine Reduktion prozessbedingter Emissionen um bis zu 90 % bei der Herstellung von Klinker, dem Hauptbestandteil von Portlandzement. Anders als beim Brennstoffwechsel oder beim Einsatz von Hüttensand gemäß CEM III adressiert CCS direkt die unvermeidlichen Emissionen aus der Kalzinierung von Kalkstein (CaCO₃ → CaO + CO₂). Für Planer und Hersteller stellt sich jedoch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit: Aktuelle Schätzungen beziffern die Mehrkosten auf 50–80 €/t Zement, was die Marktfähigkeit gegenüber konventionellen Produkten erheblich beeinträchtigt.
Kritiker wie der NDR-Bericht dokumentiert, sehen in CCS einen Vorwand zur Aufrechterhaltung CO₂-intensiver Produktionsrouten. Statt konsequenter Substitution durch Hüttensand oder Flugasche, wie sie etwa in Kompositzement nach CEM II genutzt werden, würde der Fokus auf End-of-Pipe-Lösungen die Transformation zu klimaneutralen Bindemitteln verzögern. Zudem fehlt bislang eine flächendeckende geologische Speicherinfrastruktur in Europa: Die erforderlichen Pipelines und Lagerstätten befinden sich überwiegend in der Planungsphase.
Aus Sicht der Normkonformität bleibt die Frage nach der EPD-Bilanzierung von CCS-basiertem Zement offen. Während die Abscheidung selbst energieintensiv ist und den Primärenergiebedarf um 15–25 % erhöht, hängt die Netto-CO₂-Reduktion von der Herkunft der eingesetzten Energie ab. Holcim selbst verweist auf Pilotprojekte in der Schweiz und Kanada, konkrete Kapazitätszahlen oder Verfügbarkeitszeitpunkte für den DACH-Markt bleiben jedoch ungenannt.
Für die Baustoffindustrie stellt sich die strategische Frage, ob CCS als Brückentechnologie oder als Ablenkung von alternativen Bindemitteln zu bewerten ist. Vergleichsprojekte wie Holcim Dotternhausen zeigen, dass der Ausbau von Ersatzrohstoffen und Klinkerfaktor-Reduktion marktreife Alternativen darstellen. Die Diskussion um CCS verdeutlicht den Zielkonflikt zwischen kurz- und langfristiger Dekarbonisierung in einem Sektor, der für die Realisierung von CO₂-neutralem Beton und die Einhaltung der Klimaziele 2045 entscheidend ist.
