Ein ungewöhnlicher Schritt für einen etablierten Industriebetrieb: Deutsche Steinzeug in Witterschlick protestiert öffentlich gegen die aktuellen Energiepreise. Der Hersteller, der zu den traditionsreichsten Keramikproduzenten in Deutschland zählt, sieht sich durch die Energiekrise existenziell unter Druck gesetzt. Das Unternehmen demonstriert damit stellvertretend für eine gesamte Branche, deren energieintensive Produktionsprozesse zu einem wachsenden Wettbewerbsnachteil werden.

Die Herstellung von Feinsteinzeug und keramischen Fliesen erfordert Brenntemperaturen von 1.200 bis 1.300 °C, wobei der Brennprozess je nach Produktlinie bis zu 40 Stunden dauern kann. Die Rohmassen werden zunächst getrocknet, dann bei Temperaturen von etwa 200 °C vorgebrannt und schließlich im Hochtemperaturbrand verdichtet. Dieser Prozess, der die charakteristischen materialtechnischen Eigenschaften wie Wasseraufnahme unter 0,5 % nach DIN EN 14411 und Druckfestigkeiten von 4.000 bis 5.000 N/cm² erzeugt, ist nahezu ausschließlich gasbasiert.

Während die Energiekosten in Deutschland seit 2021 um mehr als 150 Prozent gestiegen sind, profitieren Hersteller in Spanien, Italien und insbesondere China von deutlich günstigeren Energiepreisen. Die Kostenstruktur verschiebt sich dadurch massiv: Machte Energie vor der Krise etwa 20 bis 25 Prozent der Produktionskosten aus, liegt dieser Anteil heute bei über 40 Prozent. Für Planer bedeutet dies eine veränderte Marktlage bei der Materialspezifikation – die Verfügbarkeit inländischer Premiumprodukte könnte mittelfristig eingeschränkt werden.

Die Situation bei Deutsche Steinzeug (www.deutsche-steinzeug.de) spiegelt ein strukturelles Problem der europäischen Keramikindustrie wider. Anders als in der Zementproduktion, wo Heidelberg Materials und Holcim zunehmend auf alternative Brennstoffe und elektrische Prozesswärme setzen, gibt es für den Hochtemperaturbrand von Keramik bislang keine wirtschaftlich darstellbare Alternative zu Erdgas. Wasserstoff als Energieträger ist zwar technisch möglich, die Verfügbarkeit und Kostenstruktur lassen eine industrielle Umsetzung in den nächsten fünf Jahren jedoch unrealistisch erscheinen.

Ähnliche Proteste und Produktionsdrosselungen sind auch bei anderen Keramikherstellern wie Agrob Buchtal zu beobachten. Die Branche fordert eine staatliche Entlastung bei den Netzentgelten und eine Anpassung der CO₂-Bepreisung, die energieintensive Grundstoffindustrien europaweit gleichstellt. Ohne strukturelle Entlastung droht eine weitere Verlagerung der Produktion ins außereuropäische Ausland – mit Konsequenzen für Lieferketten, Produktverfügbarkeit und letztlich auch für die EPD-basierte Nachhaltigkeitsbewertung importierter Keramikprodukte, deren Transportemissionen die lokale Produktion zunehmend unvorteilhaft erscheinen lassen.