Ein neues Verfahren zur Rückgewinnung von Altverglasung könnte die Kreislaufwirtschaft in der europäischen Glasindustrie maßgeblich vorantreiben: AGC Flat Glass Czech hat ein industrielles Recyclingverfahren entwickelt, das ausgediente Mehrscheiben-Isolierglas-Einheiten zurück in die Rohstoffkette der Flachglas-Produktion führt. Das Verfahren trennt die Glasscheiben von Abstandshaltern, Dichtungsmaterialien und funktionalen Beschichtungen, sodass sortenreines Altglas als Sekundärrohstoff in die Schmelzwanne zurückfließen kann.
Die technische Herausforderung liegt in der Materialtrennung: Moderne Isolierglas-Einheiten bestehen aus mehreren Glasscheiben, die mit Butyl- und Polysulfid-Dichtstoffen sowie Aluminium- oder Edelstahl-Abstandhaltern verbunden sind. Zusätzlich befinden sich auf den Innenseiten häufig Low-E-Beschichtungen aus Metalloxiden oder Silber, die den g-Wert und U-Wert des Glases beeinflussen. AGC Flat Glass Czech hat ein mechanisches und thermisches Trennverfahren implementiert, das diese Verbundstoffe zergliedert und sortenrein separiert. Das zurückgewonnene Glas erreicht Qualitätsstandards, die eine erneute Verwendung als Gemengebestandteil in der Float-Glasproduktion ermöglichen.
Das Verfahren adressiert eine wachsende regulatorische Anforderung: Die EU-Bauprodukteverordnung und die kommende Ökodesign-Richtlinie für Bauprodukte fordern höhere Recyclingbaustoff-Quoten und die Deklaration von EPD-Daten für Flachglasprodukte. Planer und Architekten müssen künftig bei der Materialwahl den gesamten Lebenszyklus berücksichtigen – von der Rohstoffgewinnung bis zum End-of-Life-Szenario. Die Rückführung von Altglas in die Schmelzwanne senkt den Energiebedarf und reduziert den Bedarf an Primärrohstoffen wie Quarzsand, Soda und Kalk, die in der konventionellen Glasherstellung eingesetzt werden.
Für die Baustoffindustrie ist das AGC-Verfahren ein wichtiger Baustein in Richtung zirkuläres Bauen. Im Kontext der Urban Mining-Strategie könnten künftig auch andere Hersteller wie Saint-Gobain oder regionale Glashersteller ähnliche Rücknahmesysteme etablieren. Die stoffliche Verwertung von Altverglasung ergänzt bestehende Recyclingpfade für andere Baustoffe – analog zu den Entwicklungen im Kreislaufmodell für Zement aus Stahlschlacke oder der Konsolidierung im EPS-Markt, wo ebenfalls verstärkt auf Rezyklateinsatz gesetzt wird.
AGC Flat Glass Czech hat das Verfahren zunächst am Standort Teplice implementiert. Eine Skalierung auf weitere europäische Produktionsstandorte ist geplant, sofern sich die ökonomische und ökologische Bilanz im industriellen Maßstab bestätigt.